Die Aktualität der Sozialen Marktwirtschaft (Berlin)

Protestantische Antworten auf die Krise
Tagungsbericht

Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise wird das größte Marktversagen aller Zeiten sichtbar. Immer lauter wird dementsprechend der Ruf nach dem Staat, der alles regeln soll. Bedeutet die Finanzmarktkrise das Ende der unternehmerischen Freiheit? Kann die soziale Marktwirtschaft neu gestaltet werden? Wo muss nachreguliert werden, wo schadet zu viel Regulierung? Eine Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin und des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD widmete sich dieser Problematik und bot Raum, gängige Theorien und wirtschaftspolitische Dogmen zu überprüfen.
Professor Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD setzte sich in seinem Einführungsvortrag mit der Frage auseinander, ob die Krise als Chance zur Erneuerung der Wirtschaftskultur genutzt werden könne. Wegner nannte als konkrete Handlungsmöglichkeiten unter anderem die konsequente Besteuerung von Finanztransaktionen und die Regulierung aller Finanzmarktprodukte und -akteure. Aber auch die Integration von individuellem Berufsethos in übergeordnete Branchenkulturen sei dringend notwendig. “Ethik ist auch eine Form von Risikowahrnehmung”. Krisen wird es immer wieder geben – diese Erkenntnis zog sich durch die Tagung. “Was es jedoch nicht geben muss, sind derart gravierende Einschnitte im ökonomischen Geschehen”, betonte Gerhard Wegner.
Referenten der verschiedenen Disziplinen – von der Ökonomie, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialethik bis zur Theologie – lieferten wichtige Informationen, Hintergründe und Einschätzungen. Im Vortrag von Professor Birger P. Priddat zum Thema “Finanzmarktkrise und Folgen für die unternehmerische Freiheit” ging es vor allem um die Geltung von Regeln und die Bedeutung von Vertrauen. Christoph Stückelberger, Direktor und Gründer von Globethics, betrachtete die Finanzmarktkrise aus Sicht einer calvinistischen Ethik und zog aus dieser Tradition Linien in die Zukunft. Professor Paul Windolf gab Einblicke in den Funktionswandel des Unternehmertums und unterschied drei Typen des Kapitalismus: den  Familienkapitalismus – Beispiel Alfred Krupp – den Managerkapitalismus und den Finanzmarkt-Kapitalismus der Neuzeit.
Zur protestantischen Wirtschaftsethik und der Sozialen Marktwirtschaft gaben die Professoren Franz Segbers und Heinrich Bedford-Strohm wichtige Impulse: “Wir brauchen solidarische und paritätische Sicherungssysteme”, sagt Franz Segbers. Er denkt dabei an eine “wache Zivilgesellschaft” und merkt kritisch an, dass der Protestantismus sich mit sozialen Bewegungen schwer tue. Bedford-Strohm erinnerte an die Menschen in Entwicklungsländer, die die aktuelle Krise besonders hart trifft. Professor Traugott Jähnichen spannte den Bogen von den protestantischen Elitenetzwerken in der Nachkriegszeit bis zu den Zukunftsperspektiven der Sozialen Marktwirtschaft. Die soziale  Marktwirtschaft ist, so Jähnichen, immer noch die Wirtschaftsordnung, die am ehesten ermöglicht, die Wirtschaft in der Krise  nach vernünftigen Spielregeln neu zu  organisieren. Seine Forderung: “Wir müssen die Soziale Marktwirtschaft viel stärker auf der Ebene der EU verankern.” Eine neue Herausforderung sei die Integration der ökologischen Dimension in das bisher stark sozial organisierte Ordnungsmodell.
Mit Fragen zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft – Stichwort “ordnungspolitische Sündenfälle und Neuanfang” – beschäftigte sich auch das Abschlusspodium. Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Präses Nikolaus Schneider, Professor Josef Wieland und Professor Gert G. Wagner diskutierten in einem lebhaften Streitgespräch über Handlungsprioritäten und Zukunftsperspektiven. Immer wieder wurde Bezug genommen auf die Unternehmerdenkschrift der EKD. Schon Monate vor Ausbruch der Krise haben viele der heute diskutierten Diagnosen und Regulierungsvorschläge Eingang in den Text dieser Denkschrift gefunden. “Die Diskussion um die sozialethischen Folgerungen, die aus der Krise zu ziehen sind, muss die moralische Verantwortlichkeit des Individuums ansprechen”, sagte Moderator Dr. Michael Hartmann, Studienleiter Wirtschaft der Evangelischen Akademie zu Berlin, abschließend. Auch bei guten Rahmenordnungen komme es auf das Individuum an. Das Vertrauen, dass allein die besseren Regulierungen zur Mäßigung und letztlich Vermeidung kommender Krisen führen werden, war unter den Experten gering ausgeprägt. Das Laufe keineswegs auf einen moralischen Individualismus hinaus, der der Denkschrift mitunter vorgeworfen werde.
“Die Krise lässt Fragen nach Fairness und Reziprozität verstärkt aufkommen”, so Michael Hartmann. “Zusammenhalt und Gegenseitigkeit in wirtschaftlicher Kooperation haben sich in der Freiheit zu bewähren. Regeln werden das allein nicht ersetzen können. Diese Mäßigung hat auch auf Märkten und im Wettbewerb ihren Platz und ist Teil des Verständnisses von evangelischer Freiheit.” Dass immer wieder die Denkschrift angesprochen wird, interpretierte Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx als Ausdruck der Bedeutsamkeit der dort gemachten Aussagen. Im Laufe der Tagung wurde das Themenfeld noch erweitert. Diskutiert wurden die Zukunft des organisationellen Handelns, die Frage nach Regulierung im internationalen Maßstab und Verteilungsfragen im globalen Kontext. “Es entspricht auch der Denkschrift, dass wir diese Fragen aufgreifen und Position beziehen”, sagt Coenen-Marx.
Renate Giesler

Dokumentation der Tagung in: epd-Dokumentation Nr. 27, 23. Juni 2009: Die Aktualität der Sozialen Marktwirtschaft – Protestantische Antworten auf die Krise
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Mittwoch, April 22, 2009

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Donnerstag, April 23, 2009