Religiöse Kommunikation im Stresstest


Sinkende kirchliche Bindung, brüchige religiöse Sprachfähigkeit und wachsende Distanz zur Institution Kirche stellen kirchliches Handeln vor neue Herausforderungen. Der Religionssoziologe Fabian Haefke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SI, nimmt diese Spannungen gemeinsam mit Dr. Hilke Rebenstorf empirisch in den Blick und fragt im SI Kompakt, wie religiöse Kommunikation heute noch als relevant erlebt werden kann. Im Interview ordnet Fabian Haefke zentrale Ergebnisse ein, erläutert wichtige Begriffe und gibt Einblicke in Methode, Herausforderungen und mögliche Anschlussfragen.
Herr Haefke, Sie sprechen im SI Kompakt davon, dass die Kirchenkrise auch als Kommunikationskrise verstanden werden muss. Gab es in Ihrer Forschung oder in konkreten Interviews einen Moment, an dem Ihnen besonders deutlich wurde: Hier entscheidet sich an Kommunikation, ob Kirche überhaupt noch anschlussfähig ist?
Mit der veränderten Rolle der Kirche in der Gesellschaft ändern sich auch die Voraussetzungen kirchlicher Kommunikation. Immer weniger religiöses Wissen und Vertrautheit mit christlicher Glaubenspraxis können vorausgesetzt werden; religiöse Sprache wird erklärungs- und vermittlungsbedürftiger. In den Interviews, die wir mit Pastor*innen und Personen mit Kontakt zur Kirche geführt haben, zeigt sich sehr deutlich, dass Kirche kommunikativ unter Druck steht. Auf der einen Seite entwickeln professionelle religiöse Akteur:innen Strategien, um darauf zu reagieren, indem sie beispielsweise Übersetzungsformeln des Religiösen suchen, die einen implizierten christlich-weltdeutenden Bezug herstellen können. Auf der anderen Seite fragen sich viele Menschen, ob und wie ihre persönlichen Glaubensvorstellungen und Lebensdeutungen in der Kirche als legitim anerkannt werden. Genau an dieser Stelle entscheidet sich Anschlussfähigkeit.
„Der Kommunikationsbegriff öffnet damit den Blick für die alltäglichen Interaktionen, in denen kirchliche Praxis individuell bedeutsam wird, Gleichgültigkeit hervorruft oder entfremdet.“
Der Begriff „religiöse Kommunikation“ spielt in Ihrer Studie eine zentrale Rolle, ist aber erklärungsbedürftig. Was wird durch den Kommunikationsbegriff neu sichtbar?
Der Begriff „religiöse Kommunikation“ entstammt zwei unterschiedlichen Traditionen: einer geisteswissenschaftlichen Perspektive, die kommunikationswissenschaftliche Zugänge auf Religion anwendet, und der praktischen Theologie, in der er programmatisch einen Anspruch kirchlichen Handelns formuliert. Sichtbar wird dadurch, dass kirchliches Handeln mehr ist als einseitige Verkündigung. Der Begriff betont, dass Glauben im Austausch entsteht, und stellt die Frage, ob kirchliche Praxis für Menschen lebensrelevant ist. Ob dies gelingt, lässt sich empirisch untersuchen. Der Kommunikationsbegriff öffnet damit den Blick für die alltäglichen Interaktionen, in denen kirchliche Praxis individuell bedeutsam wird, Gleichgültigkeit hervorruft oder entfremdet.
Sie arbeiten qualitativ, unter anderem mit leitfadengestützten Interviews. Was leisten qualitative Interviews besonders gut, wenn es darum geht, das Relevanzerleben religiöser Kommunikation zu erfassen? Und inwiefern können solche qualitativen Zugänge auch eine Grundlage für spätere quantitative Befragungen bilden?
Leitfadengestützte Interviews laden dazu ein, die eigene Wahrnehmung und das persönliche Erleben religiöser Kommunikation zu reflektieren. Fokusgruppen, die wir ab jetzt durchführen werden, geben Raum, das Spektrum unterschiedlicher Gruppenmeinungen abzubilden, und ermöglichen Einblicke in die Dynamiken von Aushandlungsprozessen. In beiden Interviewformen wird etwas kommunizierbar, das sonst oft unausgesprochen bleibt. Gerade für die Erforschung religiöser Kommunikation ist dies wichtig, da viele kirchliche Angebote keine Resonanzschleifen vorsehen können, in der über das eigene Erlebte offen berichtet wird. Gerade qualitative Interviews eignen sich daher sehr gut, um privates Relevanzerleben zu erfassen.
Qualitative Forschung ist explorativ angelegt: Sie hilft dabei, unbekannte Phänomene zu verstehen, kann aber keine Aussagen über ihre Verbreitung treffen. Dafür sind im Anschluss dann häufig quantitative Befragungen sinnvoll.
„Im nächsten Schritt werden wir Fokusgruppen durchführen.“
Religiöse Sprache, persönliche Glaubensdeutungen und institutionelle Kirche sind sensible Themen. Wo lagen für Sie die größten methodischen oder inhaltlichen Erschwernisse im Forschungsprozess? Gab es Aspekte religiöser Kommunikation, die sich empirisch nur schwer greifen ließen?
Die eigene Religiosität oder Lebensdeutung ist natürlich sehr persönlich. Häufig erzählen Menschen aber da auch sehr gerne drüber: gerade weil es einem wichtig ist, möchte man in seiner Religiosität oder Weltanschauung verstanden werden. Schwieriger ist es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, für die Kirche keine Rolle mehr spielt. Wo Gleichgültigkeit herrscht, fehlt oft die Motivation zur Teilnahme. Gerade die missglückte Seite religiöser Kommunikation, ihr Scheitern, lässt sich empirisch daher nur schwer erfassen.
Für wen ist dieses SI Kompakt aus Ihrer Sicht besonders relevant? Und gibt es eine Frage aus der Studie, die Sie gern auch im SI Podcast „empirisch inspiriert“ weiter vertiefen würden?
Das SI Kompakt richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie sich gesellschaftliche Veränderungen ganz konkret auf kirchliche und diakonische Praxis auswirken, also an Leitungen, Mitarbeitende, Religionspädagog:innen, Seelsorger:innen, sowie natürlich auch an alle die kirchensoziologisch interessiert sind. Die Frage, wie religiöse Kommunikation noch gelingen kann, wenn die gemeinsamen Bezugspunkte fehlen, ist nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern unserer Ansicht nach auch für die Kirche von großer Bedeutung. Im SI-Podcast konnten wir diesen Punkt erstmals diskutieren. Genau darüber spreche ich ausführlich in einer Podcastfolge von empirisch inspiriert. Wer tiefer einsteigen will, bekommt dort einen Einblick in einige spannende Ergebnisse aus unserer Forschung.
Für Rücksprache, Bild- oder Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an
Dr. Kristin Torka
Arnswaldtstraße 6 │ 30159 Hannover
E-Mail: kristin.torka@si-ekd.de



