“Die Kirche kann mit den neuen Alten wachsen”

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chrismon-plus und evangelisch.de: Bernd Buchner befragt Gerhard Wegner

Die Evangelische Akademie Loccum lädt am Wochenende zu einer Tagung unter dem Leitwort “Gott oder Gesellschaft” ein. Dabei wollen Theologen und Soziologen darüber diskutieren, was die Kirche von den Sozialwissenschaften für die Zukunft lernen kann. Anlass der Konferenz ist die Gründung der Pastoralsoziologischen Arbeitsstelle (PSA) vor genau 40 Jahren. Die PSA gehört heute zum Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Gespräch mit evangelisch.de schildert SI-Direktor Gerhard Wegner, warum soziologische Erkenntnisse grundlegend für das zukünftige kirchliche Handeln sind.

Herr Professor Wegner, Kirche und Soziologie standen sich lange Zeit eher fern. Wodurch hat sich das geändert?

Wegner: Die Kirche lebt in einer immer komplexeren Gesellschaft und muss sich darin selbst steuern. Sie hat begriffen, dass das allein mit Theologie nicht möglich ist. Kirche braucht die Sozialwissenschaft, um die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihren stetigen Wandel erkennen und wahrnehmen zu können. Sonst kann sie sich nicht selbst leiten.

Welchen Nutzen kann die sozialwissenschaftlichen Forschung für Gemeindearbeit und Glaubenspraxis haben?

Wegner: Ein Beispiel: Wir haben uns viel mit Altersforschung beschäftigt und konnten deutlich nachweisen, wie sehr sich die Vorstellungen vom Alter in den letzten drei bis vier Jahrzehnten in Deutschland geändert haben. Die Menschen leben heute sehr viel länger und werden viel später alt, um es so auszudrücken. Die Lebensmöglichkeiten sind geradezu explodiert. Damit haben sich auch die Religiosität und die kirchliche Einstellung dieser Menschen stark geändert. Das kann man nur sehen, wenn man sozialwissenschaftliche Studien zur Hand nimmt. Die Ergebnisse haben Folgen für die Ausrichtung der kirchlichen Gemeindearbeit. Wenn diese an alten Vorstellungen festhält, liegt sie neben den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen – und dann wundert sich die Kirche, wenn sie niemanden mehr erreicht.

Die Senioren sind eines der “Milieus”, die in der Kirche eine Rolle spielen. Untersuchungen wie die Sinus-Milieu-Studie von 2005 werden in der Kirche, so scheint es, inzwischen stärker rezipiert als manche Bekenntnisschriften. Ist die Soziologie die neue Theologie?

Wegner: Hinsichtlich der Milieutheorie, die Sie ansprechen, ist das in den vergangenen Jahren fast so gewesen. Das kritisiere ich auch. Man hat gemeint, dass die Milieutheorie die Prägung von Menschen deutlich erklärt und sich die kirchliche Arbeit nur darauf einstellen müsse, damit alle kommen. Das stimmt aber so nicht. Die Milieutheorie ist nur eines von mehreren Instrumenten, um Menschen genauer zu sehen. Doch die Vorstellung, dass Menschen ihr Leben lang durch bestimmte Dinge in der Kindheit geprägt werden, ist heute überholt.

Die Gesellschaft fragt sehr stark geistliche und spirituelle Impulse. Was kann die Sozialwissenschaft dazu an Erkenntnissen beitragen?

Wegner: Um bei den Älteren zu bleiben: Bei den Menschen im sogenannten dritten Lebensalter, zwischen 60 und 80 Jahren, lässt sich deutlich zeigen, wie sich die geistliche Bedürfnislage geändert hat. Noch vor wenigen Jahren waren älter werdende Menschen von der Begegnung mit dem eigenen Sterben geprägt. Sie wollten vor allen Dingen eine Seelsorge, die auf das Sterben zugeht. Das ist heute völlig weg. Die Leute wollen noch etwas Neues erleben: neue Freiheiten, neue Aufbrüche. Sie wünschen sich von der Kirche eine ermutigende Spiritualität, die sie befähigt, Neues zu beginnen. Wir sprechen da von einer Natalitätsorientierung – von der Fähigkeit, etwas Neues gebären zu können. Die Kirche muss in einer klugen Weise auf diese Bedürfnislagen eingehen, sonst verliert sie die Menschen.

Wird die kirchliche Seniorenarbeit angesichts der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten stark an Bedeutung zunehmen?

Wegner: Unsere These ist, dass die Kirche mit den neuen Alten wachsen kann. Diese These stellt sich gegen das, was man in der Kirche häufig hört, nämlich die Klage darüber, dass sich die Jüngeren so schlecht gewinnen lassen. Diese Klage ist auch schon älter. Man meint, man könne mit den Älteren eigentlich nichts anfangen. Das ist eine falsche Sicht der Dinge. Die Kirche wird zwar schneller alt als die Gesellschaft, aber sie hat die Chance, mit den jungen Alten nach wie vor einen gesellschaftlich prägenden Einfluss auszuüben – wenn es ihr gelingt, diese Menschen zu halten.

Im EKD-Impulspapier “Kirche der Freiheit” wird ein Szenario beschrieben, nach dem die Kirche bis 2030 ein Drittel weniger Mitglieder und die Hälfte der heutigen Finanzkraft hat. Wie realistisch ist das?

Wegner: Solche Szenarien sind immer Hochrechnungen vom gegenwärtigen Zeitpunkt aus. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich die Zukunft so entwickeln wird. Ein Faktor, der feststeht, ist allerdings die demografische Entwicklung. Die Kinder, die heute nicht geboren werden, können auch morgen keine Kinder haben. Das ist eine sehr stabile Hochrechnung. Aber der Fakor, wie weit es der Kirche gelingt, die älter werdende Bevölkerung aktiv bei sich zu halten, ist ein modifizierender Faktor, gerade was die finanziellen Ressourcen der zukünftigen Kirche anbetrifft. Es muss nicht so drastisch kommen, wie es beschrieben wird. Aber die Kirche muss sich darauf einstellen, dass sie insgesamt kleiner wird und die Ressourcen schrumpfen.

Die Kirche setzt sich sogar das Ziel, “gegen den Trend zu wachsen”. Wie geht das?

Wegner: Das geht nur, wenn es gelingt, moderne Lebensstile und Milieus sozusagen christlich zu taufen. Und wenn es gelingt, in einen wirklichen Dialog zwischen christlicher Religiosität und leistungsorientierten Lebenseinstellungen zu kommen. Menschen, die weltzugewandt und konsumorientiert leben, müssen sich in einer neuen Weise vom christlichen Glauben angezogen fühlen und dabei auch die Solidaritäts- und Familienwerte, die der christliche Glaube beinhaltet, stärker akzeptieren als bisher. Das ist eine große Herausforderung, die man sozialwissenschaftlich sehr gut beschreiben kann. Das hat etwas mit Modernisierung von Kirche zu tun. Aber dieser Prozess muss auch theologisch verantwortet werden – das muss man an dieser Stelle immer sagen.

Die Loccumer Tagung trägt den provozierenden Titel “Gottoder Gesellschaft”. Ist beides ohne einander überhaupt denkbar?

Wegner: Der Titel bezieht sich auf die verschiedenen “Leitwährungen” von Theologie und Soziologie. Die Leitwährung der Theologie ist das Handeln Gottes, jene der Soziologie ist die Gesellschaft. Wie funktioniert sie, wie baut sie sich auf? Beides muss sich nicht widersprechen, aber es sind unterschiedliche Fragestellungen, die man kreativ aufeinander beziehen muss, so dass sie sich gegenseitig herausfordern und nicht das eine das andere dominiert. Darum geht es uns.

Die Kirche nach sozialwissenschaftlichen Kriterien zu betrachten, birgt einen Trend zur Säkularisierung in sich. Was unterscheidet die Glaubensgemeinschaften dann noch von Parteien, Gewerkschaften, Verbänden?

Wegner: Das Besondere der Kirche besteht darin, dass sie sich nicht den ökonomisierten Zwängen unterwirft, die es sonst in der Gesellschaft gibt. Sie redet vom Handeln Gottes, vom Evangelium – das überschreitet alles, was man in der Gesellschaft erleben kann. Und sie feiert das jeden Sonntag in ihren Gottesdiensten. Das eröffnet ein Feld von Erfahrungen und Wertorientierungen, die sonst im gesellschaftlichen Gefüge nicht vertreten werden. Natürlich gibt es in der Kirche auch Anpassung, Ressourcenzwänge, weltlichen Maßstäbe. Dennoch ist sie im Kern anders als die Gesellschaft. In diesem Anderssein liegt ihr Nutzen. In ihr werden zum Beispiel sozialmoralische Orientierungen, etwa im Sinne von Solidaritätswerten, weiter tradiert, die sonst in der Gesellschaft oft genug drastisch unterlaufen werden.

Anlass der Tagung in Loccum ist das 40 jährige Bestehen der Pastoralsoziologischen Arbeitsstelle (PSA). Der Zeitraum von 40 Jahren spielt in der Bibel eine große Rolle. Blicken wir 40 Jahre voraus: Haben sich Theologie und Soziologie bis dahin endgültig versöhnt?

Wegner: Ich wünsche mir in 40 Jahren selbstbewusste Theologen und selbstbewusste Soziologen, die gemeinsam an der Verwirklichung christlicher Werte in der Gesellschaft arbeiten, die einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten werfen und den christlichen Gemeinden helfen, ihre Identität zu bewahren und sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Das ist das, was uns als Institut auch heute schon immer wieder bewegt