Ausgegrenzt aus der Dorfgemeinschaft – Versteckte Armut auf dem Land

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Kontraste (ARD)-Beitrag. Interview mit Marlis Winkler (SI)

Do 04.10.12 21:45
Ausgegrenzt aus der Dorfgemeinschaft – Versteckte Armut auf dem Land
Arme auf dem Land sind einem großem sozialen Druck ausgesetzt. Sie müssen die bürgerliche Fassade wahren, sonst können sie nicht mehr am Dorfleben teilhaben. Viele Arme ziehen sich deshalb zurück. Und wer sich kein Auto leisten kann, ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, doch in manchen Regionen kommt der Bus nur zweimal am Tag. Jetzt bereitet die Regierung ein umstrittenes Maßnahmengesetz vor. Schnelles Internet, Förderprogramme und Straßenbau sollen Jobs auf dem Land schaffen und damit die Armut lindern. Doch bereits in den 70ern und 80ern haben sich solche Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte als Flop erwiesen.

Immer ältere Bürger, weniger Arbeitskräfte, verarmende ländliche Regionen: Der demografische Wandel in Dtl. ist eine massive Bedrohung für unsere Sozialsysteme. Deshalb fand heute in Berlin ein Demografiegipfel der Bundesregierung statt. Aber gehen die Strategien auch in die richtige Richtung? Experten haben Zweifel. Vor allem die Probleme im ländlichen Raum werden verkannt. Lars Otto und Axel Svehla mit einem Armutsbericht aus der deutschen Provinz.

Leben auf dem Land. Beschauliche Dörfer in der Provinz sind Heimat von rund 40 Millionen Deutschen.

Doch hinter heilen Fassaden leben auch Menschen in Armut. Armut auf dem Land ist eine versteckte Armut – nicht sofort zu bemerken. Sie will nicht erkannt werden, ist Harz-4-Empfängerin und kämpft seit ihrer Scheidung mit einer schweren Herzkrankheit. Zum Leben bleiben ihr nach Abzug von Gas Strom Telefon und Versicherungen gerade mal 150 € pro Monat. Das sind 5 Euro pro Tag. Viel unternehmen kann sie damit nicht.

Frau
“Das ist glaube ich die größte Angst, dass man ausgegrenzt wird. Ob das auf Feiern ist oder gerade auf dem Land ist das so, da wird ja auch für alle Feiern gesammelt bei den Nachbarn usw. und wenn da mal vielleicht einer ist, der sagt ich kann mir das aber nicht leisten, ich glaube, der würde dann ,dumm angeguckt’.”

Gerade solche Situation will sie unbedingt vermeiden. Deshalb hat sie sich eine Ausrede zurecht gelegt.

Frau
“Wenn bei uns solche Aktivitäten waren, habe ich ganz oft meine Krankheit vorgeschoben. Habe gesagt ich kann da nicht, oder mir geht’s nicht gut und hab dann auf dem Weg mich da rausgehalten, sozusagen.”

Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, das kann sie sich nicht mehr leisten. Von diesen Problemen hat Marlies Winkler oft gehört. Sie leitete eine Studie, bei der ihr von Armut Betroffene Einblick in den Alltag ihres Lebens auf dem Land gaben.

Marlis Winkler
Sozialwissenschaftliches Institut der EKD
“Eine Frau im ländlichen Raum hat uns mal diesen Satz gesagt, hier kennen uns ja alle, das heißt für sie: hier reden auch immer alle sofort. Also wenn ich zu einem Hilfsprojekt gehe zum Beispiel oder zur Tafel mich anstelle, dann weiß die ganze Nachbarschaft das es uns finanziell schlecht geht. Und das ist eine ganz große Beschämung.”

Auf dem Land wird versucht, die Armut zu verstecken. Diese Erkenntnis war eine Überraschung, denn zu Beginn der Studie war man davon ausgegangen, dass die Armut auf dem Land ähnlich wie in den Städten auch von außen sichtbar ist. Doch das ist falsch, Zitat:
“wir tun immer so als ob wir genug haben.Der Familie spielen wir was vor. Und wenn meine Schwester 50 wird bleiben wir zu Hause”

Doch nicht nur die soziale Ausgrenzung ist ein Problem. Wer in ländlichen Regionen kein Auto hat ist wenig mobil und deshalb auf den oft schlecht ausgebauten öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Für die herzkranke Arbeitslose eine Strapaze.

Frau
“Bei uns fährt höchstens zweimal am Tag ein Bus. Wenn ich jetzt Termine hätte, Arzttermine und die habe ich sehr oft, dann muss ich ganz früh los und wäre dann auch den ganzen tag unterwegs.”

Auch die Suche nach einem Arbeitsplatz wird für sie dadurch erschwert.

Die fehlende Mobilität in ländlichen Regionen hat zur Folge, das junge gut Ausgebildete dem ländlichen Raum den Rücken kehren. Zurück bleiben die Alten und Ungelernte.

Inzwischen reagieren auch die Regierungsfraktionen auf diese veränderte Situation. In Berlin veranstalten sie einen Kongress unter dem Motto: Das Leben auf dem Land muss Zukunft haben. ……….

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Beitrag (rbb) von Lars Otto und Axel Svehla